Als mein Vater 1997 die Rolleiflex in der Vitrine meiner kurz zuvor verstorbenen Großmutter entdeckte, konnte ich damals, als zwölfjähriger Bub, seine Begeisterung nicht nachvollziehen. Natürlich faszinierte mich das ungewohnt aussehende Gehäuse, aber eigentlich war sie mir unheimlich: ein schwarzes Ding mit dunklen, glänzenden, übereinander angeordneten Augen. Nachdem sie bei uns zu Hause ihren Platz gefunden hatte, beäugte ich sie oft unsicher und kritisch. Stoisch und unbeeindruckt »schaute« sie zurück. Geduldig »wartete« sie unberührt die Jahre ab, bis ich mich ihrer Faszination nicht mehr entziehen konnte.
Der Kaufmann Paul Franke und der Techniker Reinhold Heidecke gründeten 1920 die «Werkstatt für Feinmechanik und Optik – Franke und Heidecke» in Braunschweig. Die anfangs gefertigte Stereokamera namens Heidoscop und danach, 1923, das «Rollfilm-Heidoscop», stellte den Grundstein für die Entwicklung der Rolleiflex dar. Der Name «Rollei» entstand aus einer verkürzten Kombination der Begriffe und war ausschlaggebend für die Produktnamen «Rolleidoscop » und schließlich «Rolleiflex».
Nach Jahren der Entwicklung wurden zehn Prototypen gefertigt und 1928 die erste zweiäugige Rolleiflex vorgestellt, damals eine Sensation. Ein Jahr später erfolgte die Markteinführung der zweiäugigen Rolleiflex 6×6. Sie sollte über Jahrzehnte den Kamerabau, aber auch den Stil der Fotografie nachhaltig beeinflussen.
1937 erhielt Reinhold Heidecke auf der Pariser Weltausstellung für hervorragende Leistungen im Kamerabau zu der entwickelten «Rolleiflex Automat» den Grand Prix. Es sollte die letzte Entwicklung vor dem Zweiten Weltkrieg sein.
Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs musste Rollei einen Teil der Produktion auf die Herstellung kriegswichtiger Rüstungsgüter umstellen, wie z.B. Präzisionsoptiken für Ferngläser, Periskope und Zielfernrohre.
Nach dem Krieg litt das Unternehmen, rund 65 Prozent der Produktionsanlagen waren zerstört. Doch die alliierte britische Besatzung unterstützte Franke & Heidecke und versorgte sie sogar mit Zeiss-Objektiven aus sowjetisch besetzten Zonen und sicherten somit den Fortbestand der Produktion.
1950 starb Paul Franke, Nachfolger wurde der Sohn Horst Franke, der aber nicht das kaufmännische Geschick seines Vaters besaß. Trotz dieses für das Unternehmen großen Verlustes sollte das Jahr einen Aufschwung für die Firma bedeuten. Ohne ernstzunehmende Konkurrenz fingen die Absatzzahlen der Kameras an zu explodieren.
1956 lief die millionste Rolleiflex vom Band. Praktisch jeder Pressefotograf setzte eine Rolleiflex ein, und auch bei Fotolaien fand man diese Kamera ausgesprochen häufig.
Gegen Ende der 50er-Jahren war der Markt mit zweiäugigen Mittelformatkameras allmählich gesättigt und das Unternehmen verschlief es, dem Trend in Richtung Objektivkameras zu folgen.
Die Rollei 35, bis heute die kleinste vollmechanische Kamera. Neben der (zweiäugigen) Rolleiflex besitzt auch sie Kultstatus.
Unter der Leitung von Dr. Heinrich Peesel, 1964 nachfolgender Geschäftsführer von Horst Franke, wurden mit großem Erfolg die kompakte Rollei 35, bis heute die kleinste vollmechanische Kamera, und die einäugige SL66, gebaut. Allerdings fuhr der neue Geschäftsleiter einen riskanten Kurs: Seine grundlegende Idee war es, auf möglichst allen Bereichen der Fotografie aktiv zu sein. Ein vollkommener Gegensatz zur bisherigen Unternehmenspolitik.
Die Rolleiflex SL66, wobei SL für «single lens» steht. Eine einäugige Systemkamera, die trotz Top-Qualität nie die Verbreitung wie die Konkurrenz erfuhr.
Da für die immense Produktvielfalt das Rollei- Werk in Braunschweig viel zu klein geworden war, wurde in Uelzen eine neue Produktionsstätte gebaut. Doch schon bald wurde wegen der steigenden Lohnkosten die Produktion vieler Geräte nach Singapur verlegt. Das Werk in Singapur verblüffte selbst im Ausland, war es doch bisher keinem gelungen, eine Präzisionsfertigung auf dem asiatischen Kontinent aufzubauen. Allerdings nahmen die Produktionszahlen ab, es wurde schwieriger, die große Belegschaft zu halten und weitere finanzielle Schwierigkeiten folgten.
Der am Anfang erfolgsversprechende neue Kurs von Dr. Peesel sollte schließlich zum Fiasko werden: 1974 befand sich das Unternehmen zu 97 Prozent im Besitz von Banken und bewegte sich gefährlich nahe am Konkurs. Im August schied Peesel aus der Unternehmung aus. Eine einschneidende Sanierung mit einhergehender Unternehmensverkleinerung folgte.
Auch die 1974 eingeleitete Sanierung half der Firma langfristig nicht. 1981 wurde das Unternehmen neugegründet und 1982 in drei Firmen aufgeteilt, was die Pleite abwenden sollte. In den folgenden Jahren wechselte die Firma mehrmals die Führung und den Namen.
Obwohl auch nach den einschneidenden Maßnahmen Top-Produkte und Weiterentwicklungen auf den Markt gebracht wurden, darunter die 2007 vollkommen neu entwickelte und digitaltaugliche Mittelformatkamera Hy6, gelang die Wende nicht. Im Februar 2009 stellte die damals unter dem Namen «Franke & Heidecke GmbH» lautende Firma Insolvenzantrag. Die «DHW Fototechnik GmbH» kaufte Anteile der Insolvenzmasse und nahm Teile der Fertigung wieder in Betrieb. Im Jahr 2014 musste auch die «DHW Fototechnik GmbH» Insolvenzantrag stellen, «DW Photo GmbH» übernahm die Geschäfte. Der Name «Rollei» ist von den damaligen Eigentümern verkauft worden, auf welcher Basis nun ein anderes Unternehmen fotografische Produkte aus Fernost anbietet. «DW Photo GmbH» hat sich zur Aufgabe gemacht, das Erbe der Gründer Paul Franke und Reinhold Heidecke weiterzuführen. Mit ungewisser Zukunft . . .